Die Schicksalsfrage: Dem Nachwuchs Appetit auf Medizin machen!
Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer
Im Frühjahr 2010 hat Bundesgesundheitsminister Dr. Philip Rösler einen Vorschlag zur Minderung des inzwischen unstreitig vorhandenen Ärztemangels in ländlichen Regionen veröffentlicht. Mit einer „Landarztquote“ sollen diejenigen Abiturienten bevorzugt Studienplätze erhalten, die sich verpflichten, nach Studium und Facharztweiterbildung auf dem Land zu arbeiten.
Eine ehrenwerte Idee, die sicher helfen wird, allein aber für Abhilfe der drängenden Probleme auf dem Land und in den unterprivilegierten Stadtteilen der Großstädte nicht ausreicht. Zumindest nimmt die Politik sich inzwischen der Frage an, wie der Ärztemangel behoben werden könnte, weil sie erkannt hat, dass es sich nicht um ein reines Verteilungsproblem handelt.
Abgesehen von der Tatsache, dass bis zum ersten Auftauchen dieser geförderten „Quotenlandärzte“ in der Versorgung mindestens 12 Jahre vergehen (13,7 Semester durchschnittliche Studiendauer, 5 Jahre Facharztweiterbildung), sollte auch bedacht werden, wie problematisch es ist, einem 20-jährigen eine Erleichterung bei der Studienplatzsuche zu versprechen, die dann ein über 30-jähriger (mit lebenslanger Wirkung?) erfüllen muss. Und was geschieht mit denen, die sich umentscheiden möchten? Können sie sich dann freikaufen? Handelt es sich also im Kern um eine neue Form „nachgelagerter Studiengebühren“? Oder muss der Kollege / die Kollegin dann „um jeden Preis“ auch auf dem Land arbeiten? Sind derart motivierte Kollegen wirklich das, was die Bevölkerung auf dem Land braucht?
Zusätzlich birgt die Landarztquote in sich auch die Gefahr der Implementierung verschiedener Ärztekategorien, wie sie im 19. Jahrhundert bereits existierten und aus guten Gründen abgeschafft wurden.
Zur Behebung des Ärztemangels müssten eine Reihe wirkungsvollere Maßnahmen initiiert werden:
- Auswahl der Studierenden nicht nach der Abiturnote allein: In einem universitätsunabhängigen, professionellen Assessment sollen soziale und kommunikative Kompetenzen erfasst werden, um – soweit möglich – einzuschätzen, wer auch wirklich bereit und geeignet ist für die Tätigkeit als krankenversorgender Arzt.
- Verbesserung der Lehre: Die Lehre krankt an Personalmangel und oft auch an zu geringer Motivation der Lehrenden. Hier muss verstärkt in Personal investiert werden.
- Einbindung von Ärztlichen Körperschaften: Um den Übergang vom Studium in die Praxis besser zu gestalten, sollten die ärztlichen Körperschaften verstärkt in die klinischen Semester mit eingebunden werden und mehr Studienanteile auch in „peripheren“ Einrichtungen der Krankenversorgung angeboten werden.
- Änderung der Approbationsordnung: Immer wieder muss überprüft werden, ob der heutige Fächerkanon, der Studienverlauf und die Prüfungssituation wirklich die Prädestiniertesten für die Krankenversorgung optimal ausbilden.
- Änderung des Praktischen Jahres: Es muss hinterfragt werden, ob die Konzentration dreier Tertiale auf das letzte Jahr mit nachgelagertem Examen wirklich vernünftig ist. Würde man ein Tertial bereits in das 5. Studienjahr verlagern und dafür das letzte Halbjahr als Examenssemester anlegen, hätte man Praxisanteile besser in die Klinik integriert.
- Finanzierung des PJ: Und schließlich muss während des Praktischen Jahres auch dringlich eine Aufwandsentschädigung für die Studentinnen/Studenten eingeführt werden, damit sie auf Nebenerwerb zur Studienfinanzierung verzichten und sich ganz aufs „PJ“ konzentrieren können.
Alles steht und fällt aber mit der Frage der Finanzierung in unserem Gesundheitswesen. Im Jahr 2010 ist noch nicht erkennbar, welche Belastungen aus der Finanzmarktkrise und der Euro-Krise auf uns zu kommen. Einschnitte in der Finanzierung werden Berufswahl und Berufsausübung junger Ärztinnen und Ärzte entscheidend beeinflussen. So kann heute noch niemand sagen, wie sich die Situation im Herbst 2010 darstellt.
Der Vortrag wird am Mittwoch, 24.11.2010 auf der Eröffnungsveranstaltung im ICC Berlin gehalten werden.
